Die Biennale, die Kunst und die Politik

Gleich zur Eröffnung gab es massive Proteste gegen eines der ausgestellten Werke. Der Künstler Christoph Büchel stellte mit Barca Nostra 2018-2019 ein 2015 gesunkenes Boot in dem hunderte Flüchtlinge den Tod fanden auf der Biennale aus. Dankenswerter Weise blieb der Schweizer dabei im Hintergrund. Er gab keine Kommentare zum Werk und verzichtete auch auf eine Beschilderung. Man kann also davon ausgehen, dass das Thema nicht fürs Eigenmarketing vorgeschoben wurde.

Christoph Büchel, Barca Nostra 2018-2019
Christoph Büchel, Barca Nostra 2018-2019

Die Demonstranten forderten das havarierte Boot zu entfernen bzw. nach Brüssel zu bringen, wo es dann das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik anmahnen könne. Manche gar bemängelten, es könne sich bei einer so politischen Aussage nicht um Kunst handeln oder fragten sich gar wie der Preis für ein solches Wert zu beziffern sei. Dass Kunst politisch sein darf, sollte auch klar sein, außer man ist selbst Diktator und kann Kritik nicht gebrauchen. Muss man erklären, dass Kaufpreis und der Wert eines Werkes nicht identisch sind? Hoffentlich nicht. Dass ein bereits vorhandener Gegenstand zu Kunst erklärt werden kann, sollte seit Marcel Duchamp, also seit über 1oo Jahren keine Frage sein. Der Biennale-Kurator Ralph Rugoff weist in seinem Vorwort explizit darauf hin, dass Künstler dem Betrachter das Angebot machen, die Dinge einmal aus ihrer Perspektive zu sehen. Dieser zusätzliche Blickwinkel kann den Horizont erweitern und in der Folge zu neuen, eigenen Einsichten führen.

Einige der diesbezüglich beeindruckenden Werke entstammen den nationalen Beiträgen. Der griechische Pavillon begrüßt durch eine geschickte Manipulation seiner Fassade mit der schlichten Zahl 1948 im Architrav über dem Eingang. Gezeigt werden unter anderem Bilder von der Gefängnis-Insel Makronissos, ein Internierungs- und politisches Umerziehungslager. Das Jahr markiert einen schrecklichen Moment in der an Tragödien nicht gerade armen politischen Geschichte Griechenlands. Zu Tausenden wurden damals Kinder aus politischen Gründen ihren Eltern entzogen um entsprechend der jeweiligen Gesinnung erzogen zu werden, im rechten Lager gefördert von der damaligen Königin Friederike. Das Biennale-Gebäude hatte man 1948 Peggy Guggenheim zur Präsentation ihrer Sammlung zur Verfügung gestellt. Den Palazzo in dem heute ihre Kunst-Sammlung heute zu sehen ist, erwarb sie kurz darauf.

Marco Godinho, Write With Water, Luxemburg

Nur die bildende Kunst kann sich dabei sehr ästhetischer Mittel bedienen, wie im Werk von Marco Godinho, Luxemburg. Zu sehen ist eine riesige Rampe mit aufgefächerten Schulheften. Das Werk heißt „Written by Water“. Das Papier wurde im Wasser zerpflückt. Die Seiten bleiben leer, so wie die Geschichten der vielen ertrunkenen Kinder nie geschrieben werden, weil es die Menschen nicht mehr gibt und die Geschichten nicht gelebt werden können. Das Werk ist ästhetisch und geht einem dadurch inhaltlich umso mehr unter die Haut. www.marcogodinho.com

Ägyptischer Pavillon

Der ägyptische Pavillon beunruhigt mit seiner gekonnten Kombination von Sphinxen aus Pappmache mit Bildschirmköpfen auf denen unter anderem Bilder des 11. Septembers laufen. Müssen wir uns Sorgen machen, dass sich Geschichte wiederholt?

Der Pavillon Venezuelas weist durch seine vollständige Schliessung darauf hin, dass im Heimatland gerade jede Normalität der schrecklichsten Form innenpolitischer Auseinandersetzung gewichen ist. Im Bürgerkrieg ist schnell nichts und niemand mehr sicher.

Der Pavillon Venezuelas bleibt geschlossen.

La Biennale d´Arte di Venezia: www.labiennale.org – 11. Mai bis 24. November 2019.

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