Die 58. Biennale eine Suche in bewegten Zeiten

Alle zwei Jahre zeigen internationale Positionen in der malerischen Lagunenstadt den Blick der Kunst auf den aktuellen Zustand unserer Welt, ein halbes Jahr lang.

Dem Öko-System Venedigs tun die Besucherströme weniger gut.

Die venezianische Biennale ist die älteste ihre Art. Natürlich ist sie ein guter Grund die Stadt zu besuchen. Das dachte sich vermutlich der initiierende Bürgermeister 1895 schon. Es begann als eine Art nationale Leistungsschau in Sachen Kultur. Ab dieser Zeit sind die nationalen Pavillons in den Gärten der Biennale, den Giardini entstanden. Bis heute gilt, jede Nation darf einen Kurator und dieser einen oder mehrere Künstler entsenden.

Im Falle des deutschen Pavillons war das öfters schon mal eine internationale Mischung, so stellte hier 2013 Ai Weiwei aus und diesmal ist die Kuratorin ungarische Staatsbürgerin. Franciska Zólyom ist Direktorin der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig und wählte als ausstellende Künstlerin Natascha Sadr Haghighian, Dozentin an der Hochschule Bremen mit iranischen Wurzeln. Für die Dauer der Biennale wählte die Künstlerin den Namen Natascha Süder Happelmann. Sie spricht nicht selbst und erscheint mit einem Pappmache-Stein, der ihren Kopf verbirgt. Das kann man kindisch finden oder man kann es inhaltlich deuten.

Den deutschen Pavillon trennt eine Mauer in zwei ungleiche Hälften

Die ästhetische Wirkung der Installation ist nicht zu verachten. Der Pavillon wurde zur Zeit des Nationalsozialismus architektonisch dem Zeitgeist angepasst. Die typische fachistische Architektur ist hell, klar, geordnet und doch löst sie immer einen gewisses Schaudern aus. Betritt man nun den vorderen Innenraum, steht man vor einem großen Damm. Der Mensch vor dieser Wand fühlt sich klein und ausgeschlossen. Das Raum-Volumen wirkt. Ob man nun die Bezeichnung als „Ankerzentrum“ in Anlehnung an die Zentren für ankommende Flüchtlinge und die begleitenden Aktionen mit Trillerpfeifen, Besucherbeteiligung, Theateraktionen etc. mag oder nicht, sei dahin gestellt.

Michael Puryear – typische Formen in riesigen Formaten

Möchte man diesmal nach einem gemeinsamen roten Faden suchen, dann kann man bei vielen Länder-Ausstellungen einen Rückgriff auf Traditionen sehen. Dabei geht es weniger um den Ausschluss des Fremden, sondern eher um die Suche nach den ureigenen Wurzeln in einer Zeit, die nicht unbedingt beliebig, aber schon so international ist, dass sie sich schon hybrid anfühlt.

Biennale 2019, ©MCvonLiebe
Alexandra Bircken, Eskalation, 2016

Neben den Länderpavillons zeichnet sich die Biennale Venedig durch eine zentral kuratierte Ausstellung aus. Diesmal Ralph Rugoff verantwortlich, Amerikaner mit Museumsverantwortung in London. Er wählte als Titel: „May You Live In Interesting Times“. Das kann man sicher unterschreiben. Rugoff zeigt im zentralen Pavillon der Giardini und am Standort Arsenale die gleichen Künstler, jeweils mit anderen Positionen. Wichtig war ihm, dem Betrachter den Blickwinkel der Künstler zur Verfügung zu stellen. Denn neben der ästhetischen Kraft schreibt man der Kunst eine soziale Funktion zu. Sie soll kritischen Denken anstossen und zu komplexen Antworten anregen. Insofern muss der Titel nicht, wie vielfach zu lesen, als ein chinesischer Fluch verstanden werden.

Alexandra Bircken, Angie 2019

Wie immer gibt es unendlich viel zu sehen. Diesmal ist das Forte Maghera ein wenig außerhalb der Lagune hinzugekommen. Und natürlich gibt es auch diesmal ein üppiges Begleitprogramm. Dieses kann allerdings auch mal etwas kommerziell geraten.
La Biennale d´Arte di Venezia: www.labiennale.org – 11. Mai bis 24. November 2019. Wenn irgend möglich sollte man sich mehrere Tage Zeit nehmen und sich für das 3-Tage-Ticket mit mehrmaligem Eintritt entscheiden.

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